Donnerstag, 23. Juni 2011

Material Culture in a Digital Space




 
Nachdem wir uns Ende 2009 enthusiastisch entschieden hatten, zusammen ein Projekt in Los Angeles anzuschieben, war uns weder bewusst, welch organisatorischer Aufwand diesem Entschluss folgen sollte noch was wir inhaltlich bearbeiten wollten. Um letzteres soll es in diesem Beitrag gehen.

Als wir zusammen mit unserem ehemaligen Dozenten von „Geschichte im Museum“ Leonard Schmieding begannen mit dem Wende Museum Kontakt aufzunehmen, traten wir dort zu diesem Zeitpunkt offene Türen ein. Diese recht neue Institution befand und befindet sich nach wie vor im Aufbau und plant seine Präsenz in der Öffentlichkeit zu verstärken. Dazu gehörte auch ein Relaunch der Homepage, zu der wir ein Pilotprojekt in Form einer Online-Ausstellung beisteuern sollten. Der grobe inhaltliche Rahmen stand schnell fest: Thematisch sollten wir uns mit dem Konzept und den Versuchen der Realisierung der „Sozialistischen Stadt“ in der DDR beschäftigen.

Das Wende Museum beschreibt sich selbst als „hybrid organization, simultaneously an archive of material culture and educational institution“, deren Sammlung sich auf „preservation of cultural, political artifacts and documentary materials that are at-risk or are critical to scholarly investigation, and personal artifacts and histories that capture the lived experience beneath the ideological battles and geopolitical struggles of the Cold War konzentriert. Mittlerweile besteht das Archiv aus über 60.000 Objekten und wird ständig erweitert. Momentan befindet sich sein Standort noch in einer Lagerhalle in einem Gewerbegebiet von Culver City, einer Stadt in der Los Angeles Metropolitan Area.

Der „real existierende Sozialismus“ als sozialer Erfahrungsraum

Ein Vorteil dieser Institution ist, dass wir uns in Los Angeles relativ frei vom deutschen Erinnerungsdiskurs bewegen konnten, der zwischen einer starken Fokussierung auf der Repression durch die Staatsorgane der DDR, dem Widerstand der Bürgerbewegung und der Überwindung des Regimes 1989 sowie unkritischer Ostalgie hin und her pendelt. Kultur-, alltags- und erfahrungsgeschichtliche Ansätze haben es in Deutschland im Bezug auf die Erforschung der DDR – trotz der Empfehlungen der„Sabrow-Kommission“ – bisher noch recht schwer, auf breite Akzeptanz zu stoßen. Da das Wende Museum dem deutschen Diskurs natürlich nicht unterworfen ist, galt auch für uns abgewandelt auf das politische System der DDR das Credo des Anthropologen Alexei Yurchak, der im Bezug auf die späte Sowjetunion treffend schrieb:
„The Soviet system produced tremendous suffering, repression, fear and lack of freedom, all of which are well documented. But focusing only on that side of the system will not take us very far if we want to answer the question […] about the internal paradoxes of life under socialism. What tends to get lost in the binary accounts is the crucial and seemingly paradoxical fact that, for great numbers of Soviet citizens, many of the fundamental values, ideals, and realities of socialist life […] were of genuine importance, despite the fact that many of their everyday practices routinely transgressed, reinterpreted, or refused certain norms and rules represented in the official ideology of the socialist state. For many of them, „socialism“ as a system of human values and as an everyday reality of „normal life“ […] was not necessarily equivalent to „the state“ or „ideology“; indeed, living socialism to them often meant something quite different from the official interpretations provided by state rhetoric.“ [1]
Uns interessierte primär die Utopie einer „Sozialistischen Stadt“: Was bedeutete sie im zeitlichen Kontext der 1950er bis 1970er Jahre und wie sahen die Umsetzungen aus? Wer sollte in einer sozialistischen Planstadt leben und wie versuchte die DDR-Regierung ihre Vorstellungen durch gezielte Stadtplanung, Wohn- und Familienpolitik durchzusetzen. Gleichzeitig wollten wir die durch die politischen Rahmenbedingungen geschaffenen sozialen Erfahrungsräume der BewohnerInnen näher beleuchten: Welche soziale, geschlechterbezogene und generationsspezifische Zusammensetzung gab es? Wie gestaltete sich das Leben etwa in Halle-Neustadt, der Stalinallee in Berlin oder in Eisenhüttenstadt? Aus diesen grundsätzlichen Fragen generierten wir während der ersten Woche in Los Angeles fünf thematische Stränge, die wir zusammen mit den amerikanischen Studierenden in der Folgezeit bearbeiteten: Privat Spaces, Public Spaces, Marketing a Socialist City, Marketplace und Social Experiences. Was dies im Einzelnen beinhaltete, wird im nächsten Post zu erfahren sein.

Web 2.0, Museum und die Aura der Dinge

Parallel zu den historischen Inhalten und methodischen Ansätzen machten wir uns Gedanken über das Konzept einer Online-Ausstellung. Schwierigkeiten sahen wir vor allem in der Einbindung des Betrachtenden. Während in einem klassischen Ausstellungskonzept ein Objekt dreidimensional erfahrbar wird und so, laut Walter Benjamin, seine auratische Wirkung entfalten kann, ist dieser Effekt digital kaum herstellbar. Zwar gibt es Möglichkeiten, auch im Internet 3D-Objekte [2] zu erschaffen, doch diese Idee mussten wir gleich zu Beginn aufgrund der geringen finanziellen und technischen Möglichkeiten verwerfen. Wir mussten also eine andere Strategie finden, um eine Online-Ausstellung interessant und attraktiv zu gestalten.

Recht schnell konzentrierte sich die Diskussion innerhalb der Gruppe auf die partizipativen Chancen des Web 2.0 und auf das veränderte Konsumverhalten durch das Internet. Uns schwebte vor dem Aufbruch an die US-amerikanische Westküste ein recht ambitioniertes Projekt vor, das eine Mischung aus Ausstellung und bilingualem Diskussionsforum über die Kulturgeschichte der „Sozialistischen Stadt“ darstellen sollte. Dabei wollten wir den Betrachtenden die Möglichkeit geben, der Webpage selbstständig weitere Objekte hinzuzufügen und zur Diskussion zu stellen. Wir und/oder das Wende Museum sollten dabei lediglich als Moderierende des Diskurses fungieren.

Spannend fanden wir die Idee, dass ehemalige BewohnerInnen der realsozialistischen Planstädte, Menschen aus der alten BRD und anderen deutschsprachigen Gebieten sowie englischsprachige NutzerInnen in einen kritischen Erfahrungsaustausch treten könnten. Ziel sollte schlussendlich ein offener, womöglich transatlantischer Diskussionsprozess sein, dessen Entwicklung und Richtung wir v.a. als kritische BeobachterInnen begleiten wollten, statt top-down einige gelehrige Betrachtungen vorzugeben.

Ob sich dieser Anspruch bis zum Ende durchhalten ließ und welche inhaltliche und konzeptionelle Ausrichtung die bald das Licht der Öffentlichkeit erblickende Ausstellung haben wird, ist Inhalt des nächsten Teils dieser kleinen Serie.


Fußnoten
[1] Yurchak, Alexei: Everything Was Forever, Until It Was No More. The Last Soviet Generation, Princeton 2006, S. 8.
[2] Ein sehr beeindruckendes Beispiel für die Möglichkeiten eines virtuellen Museums bietet das Adobe Museum of Digital Media, das zeigt in welche Richtung zukünftige Nutzungen des Internets vor allem technisch und ästhetisch gehen könnten.

Mittwoch, 15. Juni 2011

The Past is a Foreign Country





Lang, lang ist‘s her, dass wir uns hier das letzte Mal zu unserer Reise geäußert haben. Seither ist natürlich viel passiert: Unser Ausstellungsprojekt steht kurz vor dem Gang in die Weiten des Internets und ist damit für alle einsehbar und frei für Anmerkungen, Kritik und Diskussionen. Doch wie wir ein bisschen verschämt feststellen mussten, haben wir es während der Reise tunlichst vermieden überhaupt irgendetwas zu unserem Projekt, der Idee dazu und den Werdegang zu schreiben. Das sei hiermit in mehreren Teilen nachgeholt. Besser spät als nie.

Natürlich begann das Projekt nicht mit der Reise nach Los Angeles, sondern hatte eine ziemlich lange Vorlaufzeit. Begonnen hat alles im Sommersemester 2009, als wir Leonard Schmiedings Seminar „Geschichte im Museum“ an der Uni Leipzig besuchten. Dort trafen wir zum ersten Mal aufeinander und beschäftigten uns mit dem Museum als Ort des Ausstellens, Bewahrens und Sammelns. Inhaltlich erstreckte sich das Seminar von Theorien der Kulturgeschichte und des Darstellens über die Geschichte des Museums bis zu didaktischen Überlegungen und transnationalen, postmodernen und popkulturellen Aspekten des Ausstellens. Den Abschluss bildete eine Exkursion ins Schlesische Museum zu Görlitz, wo wir einen so genannten Sommerstecken als Semiophore erhielten, zu dem wir als Gruppenprojekt einen Inszenierungsvorschlag erarbeiteten. Der Fokus lag zum einen bei den Prozessen der Erinnerung sowie deren Konstruktionscharakter und zum anderen auf den Möglichkeiten des konstruktivistischen Museums [1] und Überlegungen Walter Benjamins zum Begriff der Aura [2] und des Schock-Effekts.

Im Laufe des Semesters hielt Justinian Jampol, der Leiter des Wende Museums and Archive for the Cold War, einen Vortrag über seine Institution und erwähnte die Möglichkeit ein Praktikum in Los Angeles absolvieren zu können. Nach dem Ende des Semesters und der erfolgreichen Zusammenarbeit in unserer Projektgruppe beschlossen wir, das Angebot wahrzunehmen und begannen mit den Planungen für einen Workshop, an dem auch amerikanische Studierende teilnehmen sollten. Längere Verhandlungen und einige Wendungen später konnten wir Elizabeth Drummond von der privaten katholischen Loyola Marymount University dafür gewinnen, eine Gruppe von undergraduate students zusammenzustellen, die mit uns das Projekt durchführen wollten.

Nach gut einem Jahr des Planens, anstrengender Suche nach Geldgebern und intensiver inhaltlicher Vorbereitung – mittlerweile kristallisierte sich die „Sozialistische Stadt“ als thematischer Kern heraus – konnten wir am 5. September 2010 die Taschen packen und an die kalifornische Westküste fliegen.

Für gewöhnlich gestaltete sich die Zeit in Los Angeles wie folgt: Zweimal in der Woche trafen wir uns mit den amerikanischen Studierenden und sprachen sowohl über theoretische als auch inhaltliche Punkte des Projekts. Im Gegensatz zu uns mussten die Studierenden der LMU noch weitere Studienleistungen erbringen, was neben der Sprachbarriere sowie den großen Unterschieden im Wissen um DDR-Geschichte, Museum und Theorien der Darstellung die Zusammenarbeit etwas erschwerte. Ziel war es, dass die Online-Ausstellung von fünf Teams mit je einem deutschen und einem amerikanischen Studierenden erarbeitet wird. In der Realität war das Arbeitspensum etwas ungleich verteilt. Wir konnten uns auch in der restlichen Woche inhaltlich mit dem Projekt beschäftigen, während sich die amerikanischen Studierenden erst einmal das nötige Hintergrundwissen aneignen mussten (z.T. vermittelt durch Referate unsererseits) und nur wenige Stunden in der Woche für Texte lesen und schreiben zur Verfügung hatten.

Die restliche Zeit war in den ersten beiden Wochen vor allem mit weiteren theoretischen und vorbereitenden Recherchen z.B. im Getty Research Centre gefüllt. In der zweiten Hälfte unseres Aufenthalts arbeiteten wir an der inhaltlichen Konzeption der Ausstellung, suchten nach geeigneten Objekten und begannen Texte zu formulieren. Mindestens ein Tag in der Woche war für eine Exkursion reserviert. Doch davon berichten die bisherigen Einträge des Blogs schon ausführlich.
Begleitet wurde das Projekt während der ganzen Zeit von Cristina Cuevas-Wolf, Manager of Collection Development am Wende Museum. Sie hatte die – sicherlich nicht immer ganz einfache – Rolle zwischen den Interessen ihres Arbeitgebers und den Vorstellungen unsererseits zu vermitteln. Erst die offenen und zum Teil sehr kontrovers geführten Diskussionen haben das Ausstellungsprojekt sein künftiges Gesicht verliehen.

Im nächsten Post werden wir näher auf die inhaltliche und konzeptionelle Idee unseres Projektes eingehen.

Fußnoten
[1] Leppenies, Anette: Wissen vermitteln im Museum, Köln/ Böhlau 2003, S. 55-86.
[2] Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt a.M. 2007, S. 15 ff.

Dienstag, 28. September 2010

Auf den Spuren von Lion Feuchtwanger

von Sabine

Freitag, 24.09.2010

Schon vergangen Freitag begannen wir uns mit dem Thema "Deutsche Exilanten in Los Angeles" zu beschäftigen. Dazu besuchten wir die Feuchtwanger Memorial Library der University of Southern California (USC). Der deutsche Schriftsteller (Jud Süß) und Historiker Lion Feuchtwanger war einer der größten intellektuellen Feinde des Nazi-Regimes (in der DDR wurde er daher sehr geschätzt und erhielt 1953 den Natinalpreis der DDR). Er floh zuerst nach Südfrankreich wo er jedoch im Lager Les Milles interniert wurde. Mit Hilfe von Freunden und einem angestellten des Amerikanischen Konsulats konnte er fliehen und setze nach Amerika über. Ab 1941 lebte er in Kalifornien, wo er sich zusammen mit seiner Frau Marta ab 1943 in einem Haus in Pacific Palisades bei Los Angeles niederließ. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1958.

Seine Frau vermachte das Anwesen und den gesamten Nachlass der USC, lebte aber noch 30 Jahre in dem Haus. Die USC konnte das mittlerweile recht heruntergekommeneVilla nicht halten und verkaufte es. Von dem Erlös richtete die Universität die Gedenkbibliothek auf dem Campus ein, in der nun 2/3 der Privatbibliothek Feuchtwangers zugänglich ist. Zudem Fotos, Tagebücher, Zeitungsausschnitte, Adressbücher...usw. aus seinem Nachlass.

Besonders die Adressbücher mit Adressen von Bertold Brecht u.a. und das Buch zu Feuchtwangers 60. Geburtstag mit Glückwünschen von den Manns, Alfred Döblin, Horkheimer, Albert Einstein, George Grosz, Hanns Eisler und vielen anderen beeindruckten uns während der Führung durch die kleine aber feine Bibliothek. Wie muss diese Zeit als Enemy Alien in Los Angeles gewesen sein, als alle großen Köpfe hierher geflohen waren und sich zu Lesungen mit Charly Chaplin bei den Feuchtwangers trafen? Jeder von uns hätte gerne eine kurze Zeitreise unternommen, um wenigstens einem dieser Gespräche zu lauschen...

Das konnten wir nun aber leider nicht. Dafür wurde es uns erlaubt in dem Geburstagsbuch und in einer Ausgabe der Nürnberger Chronik von 1493 zu blättern - ohne Handschuhe! Als angehende Historiker waren wir geschockt...


Feuchtwangers Tagebuch aus Frankreich; Adressbuch

Feuchtwangers Geburtstagsbuch - Eintrag Grosz

Feuchtwangers Geburtstagsbuch - Eintrag Mann

Feuchtwangers Adressbuch aus Los Angeles mit Einträgen zu Brecht und Mann

Feuchtwangers a.k.a. Wetcheks Passierschein nach Amerika

Jochen in die Chronik versunken

Montag, 27.09.2010

Heute nun, am heißesten Tag seit den Aufzeichnungen der LA Times, besuchten wir das ehemalige Wohnhaus Lion Feuchtwangers in Pacific Palisades, die Villa Aurora. Als die USC das Haus nicht renovieren konnte schlossen sich einige Feuchtwanger-Freunde in Deutschland zum „Kreis der Freunde und Förderer der Villa Aurora e.V." zusammen, deren Sitz heute in Berlin ist. Sie renovierten das baufällige Gebäude und verwandelten es wieder in eine Künstlerresidenz. Künstler aus allen Bereichen können mit einem Stipendium einige Monate hier arbeiten und die Aussicht auf den Pazific genießen. Weil die Villa einst das Haus eines Exilanten war, wird nun zudem einmal im Jahr einem in seiner Heimat politisch verfolgten Künstler für 9 Monate hier Unterschlupf und Arbeitsplatz gewährt. Ach ja, es gibt auch jeweils 2 PraktikantInnen, die auch in der Villa wohnen können!

Wir erhielten eine Führung durch die Villa und wurden neidisch auf die dort arbeitenden Künstler. Das Haus wurde Ende der 20er Jahre im spanischen Stil erbaut und ist mit den hübschen Möbeln, die Marta Feuchtwanger von Freunden oder vom Sperrmüll heranschaffte, weil sie nach dem Kauf des Hauses für 9000 Dollar kein Geld mehr übrig hatten, den bunten, handbemalten Fließen in Küche und Bad und natürlich dem herrlichen Ausblick wirklich ein wunderbarer Ort zum Leben und Arbeiten. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal eine Ausstellung zusammen mit der Villa Aurora erarbeiten...


Die Villa Aurora

Der Salon

Die Küche

Bücher im Arbeitszimmer

Der Ausblick auf den Pazifik und Santa Monica

Montag, 27. September 2010

Ein perfekter Sonntag

von Sabine


Nach dem wunderbaren Samstag am Zuma Beach, der vor allem auch mein Delphine-liebendes-Wendy-Herz hat höher schlagen lassen, und seinem Ausklang beim Glow - einem Kunst?-Festival in Santa Monica, wurde ich heute morgen von Sonnenstrahlen geweckt. Als der Reifen des Rades gewechselt war, konnte ich einen chilligen Sonntag genießen:


Zuerst zum Abbot Kinney Festival...

und dort lustiger Musik in einem kleinen Garten lauschen,

dann weiter zum Venice Beach...

und den Skatern zuschauen,

auf dem kurvigen Strand-Radweg nach Santa Monica zum Baden fahren...

Surfer beobachten,

zum Sonnenuntergang mit Feli und Jochen treffen...

und nach einem letzten Blick auf Palmen und Strand nach Hause.

Sonntag, 26. September 2010

Schwimmen mit Delphinen

von Jochen

Samstag morgen, der Kaffeegeruch steigt in die Nase, es gibt geröstete Bagle zum Frühstück, der Himmel ist blau, 35° bei leicher Westbriese. Im Auto, Riders on the Storm von The Doors, den Highway runter zur Küste und dann gen Norden, entlang all der bekannt klingenden Strandnamen wie Santa Monica und Malibu, Richtung Santa Barbara. Unser Ziel hieß Zuma Beach.
Etwas ferner ab gelegen von den gut versteckten und noch besser gesicherten luxuriösen Villen von Besitzern wie Micheal fuckin-Brusthaar-Toupet Hasselhoff, liegt Zuma Beach, ein fast weißer Strand, neben Parkplatz und Highway. Alle zweihundert Meter stehen kleine Lifeguard-Häuschen, vor denen sich klassische Baywatch-Adaptive räkeln, inkl. kleiner roter Rettungsbojen.
Die Wellen scheinen auf den ersten Blick nicht allzu groß, brechen sich jedoch mit krasser Wucht: perfektes Bodyboardparadies. Nachdem dann also die Decken ausgebreitet und Sonnenschirme aufgestellt wurden, ging's ab ins tosende Nass. Der erste Schock über die vermeintliche Kälte des Wassers war schnell verflogen, und bald tobten wir nur noch mit den herannahenden Brechern, eine Welle besser als die andere. Erhebend das Gefühl, den Kamm im genau richtigen Moment getroffen zu haben und auf ihm bis zum Strand zu reiten.

Allein, Ausgelassenheit und Glücksgefühl wurden übertroffen durch die Delphine. Nachdem man sich durch die Mauer der Brecher geämpft hat und das Meer erstaunlich ruhig wurde hinter der Brandung, war es ein leichtes, mehrere Meter rauszuschwimmen. Erst sah man von weitem die Finnen und Fluken der Tiere, denen wir das Surfen abgeguckt haben. Doch dann kamen sie immer näher, in 10 Meter Entfernung begleiteten sie uns, stießen ihren Blas wie eine beruhigende Begrüßung aus, bis sie sich entfernten. Mehrmals wiederholte sich dieses Schauspiel, und, an den Strand zurückgetragen von einer einzigen großen Welle, breitete sich ein Gefühl von Glück, Zufriedenheit, Seeligkeit... aus. Respect the ocean.

Beach,

beach,

beach!

Montag, 20. September 2010

Fahrradfahren in Los Angeles

von Leo


Los Angeles ist groß, riesengroß, per Fahrrad eigentlich nicht zu bewältigen. Und doch hat es mich gereizt, wie es so ist, sich in einer Stadt, die hundertprozentige Mobilität erfordert, entschleunigt mit dem Drahtesel fortzubewegen. Justin, mein Gastgeber und Mitbewohner in Culver City, gleichzeitig auch Gründer und Direktor des Wende Museums, hat mir ein Mountainbike geliehen, inklusive Helm (überlebenswichtig) und Schloss. Nach ein paar kleineren Reparaturmaßnahmen und einem pit stop beim Fahrradladen für eine angemessene Beleuchtung des Nachts konnte es dann losgehen.

Ich will auch so ein Schild!



















Die erste Tour sollte mich zum Getty Center führen. Das thront im Nordwesten der Stadt auf einem Hügel in Bel Air und ist am besten über den Freeway 405 zu erreichen. Nicht so per Fahrrad. Die Freeways und Highways sind tabu. Google Maps mit seinem Feature "bike routes" hat aber einen ganz angemessenen Weg ausgespuckt, der mich über Boulevards und Avenues, sprich große, dicht befahrene Straßen aber auch weniger frequentierte Wege durch Wohngebiete führen sollte. Der Vorteil an Boulevards wie Venice, Santa Monica oder auch Westwood ist, dass sie "bike lanes" haben, die deutlich breiter sind als deutsche Fahrradwege und - was ich auch schon fast als eine Art Gleichberechtigung empfand - ich direkt neben den Autos fahren durfte, also nicht auf den Gehweg verbannt wurde, wie so oft in Deutschland, wo man dann leider für gewöhnlich von den Autos übersehen wird. Das Maß an Rücksichtnahme der südkalifornischen KraftfahrzeugführerInnen ist hoch, findet jedoch auch seine Grenzen: wehe, man befindet sich auf einer vielbefahrenen Straße ohne Fahrradweg - dicht, dichter, am dichtetesten brausen die Trucks an einem vorbei. Beängstigend. Wehe, man will links abbiegen, also mindestens drei Spuren wechseln - von hinten rollt die Blechlawine und lässt einen nicht durch. Blechlawine, das sind gefühlte 1.000 Autos pro Minute von rechts, links, hinten und vorne. Und wenn man es dann doch auf die Linkssabbiegerspur geschafft hat, dann nur, weil von hinten nix kam. Dann hat man aber auch meistens Pech, denn die Induktionsschleifen für die Anforderrung der Linksabbiegerspur bei der Ampel scheinen nur auf eine größere Masse zu reagieren. Jedenfalls ist das meine Vermutung, als ich heute Abend (da war nicht so viel los) an der Kreuzung Culver/Overland gezählte (ich übertreibe nicht) vier Ampelphasen warten musste, bis ich dann mal links abbiegen durfte. Und das auch nur, weil die von hinten anrückenden Autos die Anforderung auslösten.

Beim Getty war ich stehengeblieben. Eine schöne Strecke, über den UCLA Campus, ein wenig 'wellig' wie der untertreibende Rennradfahrer sagen würde (mit dem dickmanteligen Mountainbike also steil bergauf und nur ein wenig bergab), aber ruhig. Dann der Schock, die Sepulveda Ave, ohne Fahrradstreifen, dafür aber umso dicht befahrener. Für den Rückweg im Dunkeln hab ich mir schon einmal alle meine Stoßgebete zusammengesucht, an die ich mich irgendwie erinnern konnte. Der Blick von oben auf die Stadt, die aufziehenden Wolken vom Pazifik in der untergehenden, glutroten Sonne haben für alles entschädigt, die Ausstellung "Engaged Observers" im Getty ebenfalls, und das Konzert von Aloe Blacc machte die Aussicht auf einen gefährlichen nach Hauseweg vergessen. Gut gelaunt sattelte ich auf und siehe da, Sepulveda Ave war leer, nicht ein einziges Auto hat mich überholt. Seltsam. Und schnell war ich zu Hause, ging ja auch bergab diesmal, schneller als Google Maps mir sagte dass es dauern würde, ja, sogar schneller als manch ein Auto, das ich an jeder roten Ampel einholen sollte.

Mein Fahrrad am LACMA



















In Nord-Süd Richtung kommt man schneller voran, oft fast im gleichen Tempo wie die Autos, die ja die Straßen eigentlich nur verstopfen. Die Navigation ist recht einfach, und West Los Angeles zu erkunden habe ich schon angefangen: Getty Center, LACMA, Venice Beach. Ein paar weitere nette Ziele denke ich mir noch aus. Vom muskelbetriebenen Zweirad aus bekomme ich auch viel mehr von der Stadt mit, und hier gibt's tolle Ecken mit echt eindrucksvollen Häusern, Gärten und Architekturen.

Politisierte Pedalisten habe ich auch schon einige kennengelernt. Critical Mass ist vor allem Down Town, mit über 1.000 Cyclisten, in Culver City weder critical noch mass, wie es hieß. Der Mob Down Town bekommt dafür zusätzlich zur Motorradeskorte eine Hubschraubereskorte, nice, eh? Ich finde, die sollten auch mal gegen den Smog demonstrieren, denn den spüre ich beim Fahren echt in der Lunge, total der Unterschied zu Leipzig.

Bei Gelegenheit kommen auch mehr Fotos vom Fahrrad auf der Straße, momentan muss ich mich eher auf das Fahren in der rollenden Blechlawine konzentrieren.